Bild copyright © _ nikolai vogel - Parklücke analog



+ + + + texte +


Performance Lecture von Nikolai Vogel

Von der Kunst des Ausparkens

Zur Eröffnung des Lückenhaft-Parcours, einer Gruppenausstellung in Parkplatz-Interventionen

Die Kunst geht in Lücken, meine Damen und Herren, aber sie ist kein Lückenfüller! Es muss auf den ersten Blick als unerträgliche Herabwürdigung erscheinen, die Kunst – was immer man darunter verstehen mag – in Verbindung mit der Parklücke gebracht zu sehen. Selbst wenn man in weitherzigem Entgegenkommen damit einverstanden sein sollte, das Parken als „Kunst“ ausgezeichnet zu finden, wird man sich kaum dazu bereit fühlen, etwas anderes als ein ausgesprochen fahrtüchtiges Können hinter dieser Kunst zu suchen*, die Beherrschung des Rückspiegels. Der Blick geht nach links, geht nach rechts – eine Parklücke heißt es erst mal zu finden, sie ist längst eine Rarität. Ruhender Verkehr in Längsaufstellung, ruhender Verkehr in Schrägaufstellung, ruhender Verkehr in Senkrechtaufstellung. Kurzparker, Langparker, Dauerparker. Wir sprechen im Schnitt von fünf Metern mal zweifünfzig, also 12,5 Quadratmetern - vergleichbar einer kleinen Studentenwohnung ... Halt, eine rote Ampel, probieren wir es mal rechts rein, hinter dem Schuhladen, weiter, vorbei an der Bäckerei, noch mal rechts, links, rechts, rechts, Vorfahrt achten! Rechts, hinter dem Reformhaus, geradeaus. Jetzt geht es, da vorne. Halt, eine rote Ampel, fahren wir rechts, am Schuhladen vorbei. Ja, ganz richtig, da waren wir schon, die Parkplatzsuche wiederholt die Welt, sie nimmt die Endlosschleife wörtlich, der kleine Nietzsche. Um aus der ewigen Wiederkunft eine Ankunft zu machen, müssen wir die Lücke erspähen, die Stunde, auf die wir uns vorbereitet und gefreut haben, ist da –




- hier hatte ich eine Parklücke im Text,

und Sie sind sehr diszipliniert, meine Damen und Herren, normalerweise stürzen sich alle sofort darauf, Glück gehabt, dass sie niemand von Ihnen eingefordert hat, lange bleibt sie nicht frei, jetzt schnell, die gehört mir! HUP, HUP! Hier ist endlich eine Stelle, an der ich halten kann: Herzlich willkommen auf der ART.FAIR 21, liebe Besucher, sehr verehrte Damen und Herren, willkommen, Künstler und Kunstfreunde aus aller Welt**, ich hoffe, Sie sind nicht mit dem Auto da! – Denn Parklücken sind gerade rar in Köln, dafür spannend wie nie!

Ein Park ist eine nach den Regeln der Gartenkunst gestaltete Grünfläche, eine Kultivierung der Natur, ein Ort, der ihre Schönheit zeigen soll und gleichzeitig Platz gibt, zur Erholung, zum Schweifenlassen der Sinne. Platz braucht man, man erlebt ihn beim Gehen, beim Schlendern, man legt sich in der Wiese auf den Rücken und kann hochsehen, ins Blaue ... Ein Platz allerdings ist schon bebauter als der Park, mehr ein architektonischer Ort und ein Ort, an dem sich die Wege kreuzen – an dem Verkehr aufkommt. Eine umbaute, leere Fläche, bei der Gebäude den Raum einnehmen, der im Park den Bäumen gehört. Die letzte Konsequenz des Parks ist der Parkplatz, den man braucht, für den Fuhrpark. Ein Platz, der durch das einparkende Auto genommen wird, denn Platz ist der Parkplatz nur, solange er Parklücke ist. Die Parklücke ist positiv besetzt, solange sie leer ist - der einparkende Autofahrer stellt sein Gefährt hinein, macht aus der Lücke eine Besetzung und nimmt ihr das Karma. Auch Messen haben einiges gemein mit großen Parkplätzen. Nummerierte Parkplätze. Alles vergeben. Jeder seinen Stand. Und die Sammler suchen dafür Parklücken in ihren Wohnräumen: Eine Buchlücke im Regal oder der berühmte Platz über dem Sofa. Die Parklücke ist sehr gesucht, sehr gefragt. Die Kunst ist auch auf der Suche, das ist Teil von ihr. Aber sie besetzt die Lücken nicht, sie stellt sie nicht zu. Sie macht etwas daraus, schafft aus Lücken Möglichkeiten. Möglichkeiten, die der Welt neuen Raum geben.

Dass Einparken von manchen als Kunst angesehen wird, ist leidlich bekannt. Dass es dabei zu oft zu wenig Platz gibt auch. Der moderne Städter – so er denn partout nicht öffentlich mobil sein will – sucht zunächst ein Plätzchen für sein Auto und dann für sich selbst. Das sieht man nicht nur den Straßen an, das sieht man den Städten an! Und beim Parkplatz gilt das Prinzip: Wer zuerst drin ist, hat ihn auch. Die Moral bleibt da außen vor – von wegen zuerst gesehen und so. Bisweilen Anlass zu eruptiven Ausbrüchen von aggressiver Energie – DU ARSCHLOCH – Totschlag kommt vor. Was aber, wenn da nun plötzlich etwas in der Parklücke ist, was kein geparktes Auto ist, was aber auch keine freie Parklücke mehr ist? Was, wenn in der Lücke Kunst parkt?

Wenn die Kunst sich Parkplätze nimmt, heißt das nicht, dass sie einen Platz zum Einparken sucht, sondern dass sie bereit ist, raus zu gehen und zu konkurrieren mit den gewohnten Absurditäten des Alltags. Raus zu gehen, und die gegenwärtige Welt in Frage zu stellen. Dass sie auf dem Sprung ist also, auszuparken, auf dem Weg ganz anders wohin – denn nicht das Einparken, das Sein-Plätzchen-Finden, ist die Kunst, sondern das Ausparken, das anders machen, das Neu-Sehen, das Platz-Schaffen!

Denn der Parkplatz könnte viel mehr sein. Er kann viel mehr sein! Er träumt von Bewegung, vom Roadmovie gar, er könnte zum Stadtraum ummöbliert werden, sich mit Teppichen oder Fliesen an Innenräume annähern, Orchesterproben und –auftritte ermöglichen, Verführen zu zwischenmenschlicher Choreographie. Er kann genutzt werden für Workshops, als Ruheinsel zur Kontemplation. Oder er wird umorganisiert, stiftet Verwirrung, bekommt ein Security-Leitsystem, das neue Ordnungen vornimmt, wird ein Ort für leichtere Luft oder fängt an mit seinen Pflastersteinen Nachrichten zu schreiben, baut ein geparktes Auto zum Kinderspielzeug um. Er führt Stadt-Wildwechsel vor, gibt Anlass zu vielfältiger Beobachtung, wird zur Attraktion für Führungen, ein Ziel für Kulturtouristen, wird tatsächlich Kunst, obwohl er weiterhin Parkplatz ist, oder spinnt gar einen Tausendmal umrundeten Auto-Kokon.

Immer mehr werden es, die ausparken. Immer länger wird die Liste. Angefangen damit haben Eva Bodemer – Paul Darius – Kent Hansen – Celia Kliszat – Kwaggawerk – Matthias Lehmann – Netzhalde – Andrea Pudelski-Baldé und ihr Ensemble mit Gudrun Alles, Susanne Hembach, Nati Schüller, Bianca Schulze und Anne Weyler – Christiane Rasch – Nadin Reschke mit Grace Bayer, Jennis Li Cheng Tien, Natalia Matta-Landero, Kimberly Brooke Meenan, Carly Schmitt und Eriphyli Veneri – Stefan Riebel – Nicola Schudy – Michael Staab – Ivo Weber und natürlich die Lückenhaft-Begründerin Sandy Craus. Und wie sie ausgeparkt haben, entscheidet jeder selbst, die Parklücke individualisiert sich, emanzipiert sich. Kunst macht Parkplatzsuche schwieriger, wird man lesen. Oder: Autoindustrie verlangt, Kunst solle Bahnhöfe nutzen. Oder: Nimmt sich die Parklückenkunst als nächstes die ganze Straße? Die Parklücke wird zur Attraktion, zur Kulturlandschaft, zum Ausgangspunkt einer tiefgreifenden Veränderung des Stadtbildes. Ort für Exkursionen, Führungen und Ausflüge, wie sie etwa der JAS und Doris Krampf begonnen haben zu unternehmen. Nehmen Sie den Shuttleservice, meine Damen und Herren! Erleben Sie den Parkplatz als Bühne der Präsentation und Repräsentation. Und wenn Sandy Craus, die diese Ausparkbewegung initiiert hat, etwas wirklich verdient – dann ganz bestimmt eine eigene Parklücke auf Lebenszeit! Kölns Goldene Ehrenparklücke, meine Damen und Herren! ...

Wenn man auf dem Parkplatz Kunst macht, sieht man die Welt mit anderen Augen. Mit dem Auto will man ihn ja immer nur einnehmen, und weil man so daran gewöhnt ist, merkt man nicht, dass man die Parklücke, indem man sie einnimmt, aus der Welt schafft. Man hat eingeparkt, und weil unsere Straßen voller Einparker sind, zieht alles gleichförmig an einem vorüber, als müsse das Blech, wohin denn auch damit, die Straßen und Häuser einrahmen. Auf dem Parkplatz – nützt man ihn anders – ist dieser Rahmen weg. Man ist mit allem ganz in Fühlung. Man ist mitten drin in der Szene, statt sie zuzuparken, und das Gefühl der Gegenwärtigkeit ist überwältigend***. Man erlebt alles direkt, nichts ist fest vorgegeben, der Parkplatz wird wirklich wieder zum Platz und zum Park! Nehmen Sie sich den Lückenhaft-Orientierungsplan mit, ob mit oder ohne Auto, viel Spaß auf den Parklücken der ART.FAIR 21, meine Damen und Herren, herzlichen Dank!


Nikolai Vogel, am 28. und 29. Oktober 2009****




Quellverweis:

* vgl. Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschiessens (Beginn)

** vgl. die Eröffnungsrede von Willi Daume, Leiter des Organistationskomitees, auf den 20. Olymischen Spielen in München 1972

*** vgl. Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten (Kapitel 1)

**** 28.10.2009 im Eröffnungsprogramm der ART.FAIR 21, 29.10.2009 auf einem Parkplatz zur Lückenhaft-Vernissage. Verkehrsgeräusche zum Vortrag wurden per Kassettenrekorder eingespielt (als wolle der in München aufgenommene Verkehr nun in Köln einparken). Die Hupe und „Du Arschloch“ (gebrüllt von Kilian Fitzpatrick) kam von Diktiergerät. Handlungsanweisung zur Aufnahme war, sich vorzustellen, jemand schnappe einem den Parkplatz, auf den man schon lange gewartet hat, unverfroren vor der Nase weg. Die Leidenschaft des Ärgers. Sprechen wir also von der Kunst des Ausparkens. Dieser Text (und Fußnoten) dokumentieren die Live-Aufführung lückenhaft!

Nikolai Vogel arbeitet als Freier Künstler und Autor im Bereich Textinstallation. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien und ist Mitbetreiber der experimentellen Verlagsplattform "Black Ink".
 

http://www.nachwort.de
http://www.blackink.de

 



 



Kommentar hinzufügen - einsehen

Druckversion