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Köbi Gantenbein

Das magische Feld

Die schlechte Form Grundsätzlich nicht gestaltbar. Und trotzdem faszinierend.
Köbi Gantenbein über den lebendigsten Ort in der Stadt: den Parkplatz

Das magische Feld

Obschon als Einheit mit 2,5 mal 5 Metern knapp bemessen, weist dieses wunderliche Feld weit über seinen Zweck hinaus. Ja, ich zögere nicht, hier und jetzt zu behaupten, es sei eines der spannenden sozialen, technischen und gestalterischen Felder dieses Jahrhunderts: der Parkplatz.
Und sogar mehr: Es irrt, wer meint, ein Parkplatz sei einfach ein ruhiges Stück Asphalt zwischen Trottoir und Straße. Ein Parkplatz juckt und zuckt geheimnisvoll, angetrieben wie von magischen Kräften. Welch fröhliches Babylon von Interessen und Identitöten machen diesen bescheidenen Ausschnitt, abgegrenzt vom Rest der Welt durch gelbe oder weiße Balken, zum Ort moderner urbaner Gesellschaft schlechthin! Und wir lernen: Zuerst war immer schon der Autofahrer. Selbstbewußt beansprucht er nicht nur eins, sondern grundsätzlich zwei der Felder. Eines steht fern seines Hauses und wird in den Stadtparlamenten von Jahr zu Jahr verbissener verteidigt. Die Händler, Bäcker und Metzger drohen mit kollektivem Selbstmord, wenn man ihnen zu viele dieser Felder wegnehmen will. Die überzeugten Stadtbewohner auf der anderen Seite sehen in ihm zu Recht die Quelle vieler Unbill, und zäh bauen sie Position um Position aus, Feld um Feld ab, räumen es in Parkhäuser und setzen Bewirtschaftungen durch. Die Autofahrerinnen und Autofahrer aber gingen schlicht unter, würden die Felder abgeschafft. Und sie sind auch recht gefräßig, denn ein Platz allein genügt ihnen nicht. Ein Feld steht unmittelbar dort, wo der Autofahrer wohnt und schläft. Im Laufe der Jahre hat er dieses Feld liebevoll differenziert. Er umrandet es mit Steinen, grenzt es ab mit Farbe und mag dabei nicht raste: er überdacht und unterfängt es, er baut es gar in sein Haus hinein, es wurde ihm zum Teil der Wohnung.
 
Fragt man ihn, was ihm näher ist: Bett oder Parkplatz, muß er ohne zögern antworten: Schlafen kann ich überall, Auto fahren ohne Straße, das geht auch, man frage nur die Freunde der Four-Wheel-Drive-Maschinen. Auto fahren ohne Parkplatz ist aber unmöglich. Deshalb ist diese Form so grundsätzlich schlecht, sie läßt sich nicht gestalten, entweder sie ist, und der Autofahrer ist, oder sie ist nicht, und es gibt auch keinen Autofahrer. Das haben in den letzten Jahren die Autogegner gemerkt. Die Debatten über die Autos an und für sich sind stiller geworden, im Untergrund aber geht´s vorwärts. Mit Parkplatzverordnungen, Rückbauten, Umweltverträglichkeitsprüfiungen und so weiter wird die Raison d´être des Automobils Schritt um Schritt aufgelöst: Aus Parkplätzen werden Vorgärten. Ja das geht sogar so weit, daß Leute Parkplätze kaufen und sie in kleine Magerwiesen umwandeln. Die Autofahrer merken das nicht so recht, sie weichen aus, stellen ihre Maschinen ab, wo´s grad kommt, nur: Überall ist schon jemand, zumindest ein Parkplatzbewirtschafter. Es bleiben lediglich zwei Möglichkeiten: immer herumfahren oder aufhören.
 
Wie gesagt: Die Form ist schlecht, weil grundsätzlich nicht gestaltbar. Und sie ist trotz allem faszinierend: Waren Sie schon einmal bei Nacht bei einem der großen Einkaufszentren? Die weiten Felder voll kostbarster Plätze schimmern in leicht silbernem Licht. Und wenn sie, exakt beim dritten Glockenschlag in der Vollmondnacht, ihr Ohr ganz nahe an den Platz halten, der im goldenen Schnitt des größten Feldes liegt, dann hören sie ergreifende Musik von Harfen, und singende Sirenen verzehren auch ihr Herz.

Köbi Gantenbein ist Soziologe und Fußgänger. Er arbeitet als Chefredakteur von Hochparterre, der Schweizer Architektur- und Design-Zeitschrift; Verkehrsformen sind eines seiner Themen. Neben seiner Arbeit als Journalist ist er Leiter des neuen Studienbereichs Industrial Design an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich



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